Rückblick eines 75-jährigen


Als ich im Oktober 2011 75 Jahre alt wurde, konnte ich auf eine lange Lebenszeit zurückblicken. Eine schöne Kindheit...
in Ostpreußen endete im Januar 1945 urplötzlich durch die Kriegsereignisse. Grauenhafte Bilder blieben im Gedächtnis eingebrannt. Ein Jahr später begann ein neues Leben in Berlin. Schulzeit, Berufsausbildung und Studium verliefen problemlos. Kurz vor der Trennung von Ost- und Westberlin durch den Bau der Berliner Mauer übersiedelte ich 1961 nach Braunschweig.
Hier heiratete ich, wurde Vater zweier Söhne und baute ein Haus. Daneben stand ein erfolgreiches und interessantes Berufsleben als Bauingenieur. Bis Anfang der 80ziger Jahre fühlte ich mich gesund. Dann machten sich langsam die ersten Auswirkungen einer Leberzirrhose bemerkbar. Nur die Varizen fehlten, weil sich bei mir ein Umgehungskreislauf gebildet hatte. Alle Ärzte, bei denen ich in Behandlung war, vertraten die Ansicht, dass zu einer ausgeprägten Leberzirrhose auch Varizen gehören. Also war meine Leber bestenfalls nur leicht angegriffen und ich könnte bei entsprechender Lebensführung damit 100 Jahre alt werden. Erst bei einem Kuraufenthalt in Bad Kissingen wurde Anfang 1989 die richtige Diagnose gestellt. Im März 1989 wurde ich Patient der Med. Hochschule Hannover. Professor Pichlmayr sagte damals zu mir: "Sie kommen sehr spät zu uns, wir können Sie noch transplantieren, aber es muss schnell gehen". Wegen der hohen Dringlichkeitsstufe wurde ich schon am 28. Juli transplantiert. Leider funktionierte das Organ nicht, so dass nach drei Tagen eine erneute Transplantation nötig war. Es waren aufregende Tage für meine Frau und meine Söhne, ich selber verschlief sie narkotisiert. Die zweite Spenderleber arbeitete von Anfang an einwandfrei und hat mir bis heute keine Probleme bereitet. Anfang Januar 1990 war ich körperlich soweit, dass ich meinen Beruf als Bauingenieur wieder aufnehmen konnte, den ich neun Jahre bis zur Verrentung im 63. Lebensjahr ausführte. Bei Baukontrollen musste ich oft bis zu 30 Meter hohe Gerüste besteigen. In den Urlauben bereiteten mir auch lange Bergwanderungen keine Probleme und viel Spaß. Gegenüber einem Gesunden gleichen Alters ist meine Leistungsfähigkeit etwa um 20% verringert. Dies empfinde ich nicht als Einschränkung der Lebensqualität. Als Rentner ging mein aktives Leben weiter. Auch schwere Arbeiten im Garten und am Haus gehören zu meinem Alltag. Seit drei Jahren merke ich allerdings, dass die Leistungsfähigkeit altersbedingt langsam abnimmt. Personen gleichen Alters geht es allerdings ähnlich, somit hat dies nichts mit der Transplantation zu tun. Fazit: Wenn man über 22 Jahre transplantiert ist, danach ein normales Leben führen und 75 Jahre alt werden konnte, ist man dankbar, dass es die Transplantationsmedizin gibt. Ohne die Organspende wäre alles jedoch nicht möglich, den Organspendern und ihren Angehörigen gebührt daher ein besonderer Dank.
Werner Pollakowski
eingestellt: 2012-02-02